Vor allem Chinchillas

Antje Schulte

Chinchillas

Chinchillas sind eigentlich nur süß. Siehe auch die Fotos meiner Chins auf der nächsten Seite. Aber lassen Sie sich nur nicht täuschen, das ist alles nur Tarnung. Die großen Augen und die netten Öhrchen täuschen schnell mal darüber hinweg, daß es sich bei den Kreaturen um professionelle Terroristen handelt, die keinerlei Achtung vor fremden Besitz haben.

Warum, fragen Sie sich jetzt sicher, habe ich diesen Monstern überhaupt Tor und Tür geöffnet?
Ich wollte nicht. Es war ein Unfall.

 

Moppel


Moppel hat früher (1992) meinem Bruder gehört, der leider nicht mit ihr klargekommen ist. Sie war damals ziemlich unleidlich. Nein - sie war eine übellaunige Zerstörungsmaschine, der Terminator unter den Nagetieren. Sie hat mit Hingabe Tapete und Kabel gefressen, sich regelmäßig geweigert, abends wieder in ihren Käfig zu gehen, und sie hat keine Gelegenheit ausgelassen, um ihre Urinmarken zu setzen. Übrigens: Chinchilla-Weibchen haben einen Harnröhrenzapfen, den man leicht mit einem Penis verwechseln könnte, was schon zu vielen ungewollten Schwangerschaften geführt haben soll. Wozu dieser Harnröhrenzapfen gut ist, merkt man spätestens dann, wenn sich ein wütendes Chinchilla aufrichtet, Maß nimmt und dann mit erstaunlicher Präzision einen Urinstrahl losläßt. Sie können locker 60cm weit schießen - fürs Gesicht gibt's übrigens die meisten Punkte. Unnötig zu sagen, daß die Nerven meines Bruder blank lagen.

Nachdem das possierliche Tierchen dann als Krönung in einen Eimer mit Kleister gehüpft war - sie ist natürlich panisch in ihren Käfig geflohen (Streu verbindet sich innig mit dem Kleister) und hat erst mal ein Sandbad genommen (Sandkörner dringen auch in den letzten Haarbüschel) - sind wir Freunde fürs Leben geworden. Eigentlich wollten wir sie am nächsten Tag scheren lassen, aber ich konnte nicht schlafen, während das Tierchen nebenan die Ohren hängen ließ. Also bin ich aufgestanden und habe in mühevoller Kleinarbeit Streu, Kleister und Sand aus ihrem Fell gepult, bis sie wieder einigermaßen salonfähig war. Sie fand das toll. Mit weit ausgebreiteten Ärmchen hat sie ganz still gesessen (ich mußte sie nicht festhalten), bis sie wieder sauber war. Seitdem sind wir Freunde. Klar, daß ich sie genommen habe, als mein Bruder nicht mehr konnte.

 


Wie macht man nun aus einem übellaunigen Monster ein glückliches Chin, das freiwillig wieder in seinen Käfig klettert und niemals nie nicht in die Wohnung seines Wohltäters pinkelt? Ganz klar. Man baut eine etwa zwei Meter breite und eineinhalb Meter hohe Voliere, schlachtet einen Baum für die Inneneinrichtung und kauft ein zweites übellauniges Monster.

Kleines. Auch sie war ein Unfall. Eigentlich wollte ich, der Abwechslung halber, ein braunes oder schwarzes Chinchilla, und auf keinen Fall wollte ich ein Tier aus einer Tierhandlung. Wie es der Teufel wollte, musßte ich ausgerechnet an dem Tag Futter kaufen, als zwei winzige graue Chins mit großen Augen ein wenig panisch an ihrem Käfiggitter hingen. Sie waren gerade erst von ihrer Familie getrennt worden und hatten ihre erste Autofahrt hinter sich, nur um jetzt von fremden Menschen beglotzt zu werden. Da stand ich also mit einer Tüte Futter in dem abgetrennten Raum, in dem die Tiere aufbewahrt wurden, und die Angestellte packte Kleines am Schwanz und zog sie aus dem Käfig. Die Kleine hat so panisch geschrieen, wie ich noch kein Lebewesen habe schreien hören. Natürlich hat die nette Angestellte sie sofort losgelassen. Mit drei riesigen Sätzen ist das Tierchen quer durch den Raum gesprungen und hat sich zitternd in meinem grauen Pulli verkrochen. Was kann man da noch sagen? Höchstens: "Nehmen Sie auch EC-Karten?"

Kleines ist leider 2003 mit nur elf Jahren gestorben, nachdem sie sich jede Krankheit zugezogen hatte, die Chinchillas haben können. Ich vermisse sie immer noch.

Moppel, mit inzwischen fast 18 Jahren eine ältere Dame, ist enorm an ihrer Umgebung interessiert und nimmt schnell Kontakt mit anderen Menschen auf. Sie ist eine Bank, wenn es darum geht, Vermieter an Nager im Haus zu gewöhnen - man drücke dem Vermieter eine Rosine in die Hand und rufe leise "Moppelchen! Komm!". Schon hüpft ein sichtlich erbautes Tierchen mit großen schwarzen Augen berechnend niedlich herbei und becirct den fremden Menschen. Sie sitzt auch gern auf meiner Schulter, und sie hat die ersten beiden Schließmechanismen ihrer Voliere mit Leichtigkeit geknackt. Außerdem verschafft sie sich gern immer dann Auslauf, wenn ich gerade wirklich keine Zeit habe, auf sie aufzupassen: Sie setzt sich, wenn ich füttern will, völlig entspannt auf ihre Tonröhre und läßt die Ohren schläfrig hängen. So in Sicherheit gewiegt, fülle ich die Heuraufe auf und mache den Pellet-Automaten sauber, während ich Moppel nur mit einem Auge beachte. Sie weiß das und springt ansatzlos mit einem Satz aus der Voliere, nur um in Freeclimber-Manier (Rücken an die eine Wand, Füße an die andere) hinter dem Kleiderschrank zu verschwinden.

Warum nur?!?

Tja, jetzt haben wir viele Nachteile von Chinchillas als Heimtiere kennengelernt. Sie sind eigensinnig, stur und mit erheblicher krimineller Energie begabt, noch dazu sind sie vor allem nachts aktiv - und dann sehr. Warum ertrage ich diese Tiere? Warum begebe ich mich mindestens 15 Jahre lang in so eine Tyrannei?

 

Moppel (grau) und Rosalie (Schecke)


Weil sie perfekte Haustiere abgeben - wenn man sich auf sie einläßt und viel Zeit und Mühe auf sie verwendet. Sie stinken nicht - selbst wenn man seine Nase in ihr Fell hält, kann man nur einen leichten Geruch nach Sand und Tier wahrnehmen. Sie sind reinlich, wenn sie sich wohl fühlen - mit der Einschränkung, daß sie ihren Kot überall fallen lassen, weil sie das nicht kontrollieren können. Die kleinen Körner sind aber trocken und geruchslos und können leicht mit einem Staubsauger entfernt werden. Urin lassen sie nur in ihrem Käfig, wenn der groß genug ist, daß sie dafür eine Ecke einrichten können (machen zwar nicht alle Chins, aber ich weiß auch von keinem, das nicht stubenrein ist). Das Urinaufkommen ist sehr gering. Sie stellen keine allzu großen Ansprüche an das Futter, solange es gutes Heu gibt. Wenn sie einen großen Käfig zur Verfügung haben (ein Muß), sind sie ausgeglichen und freundlich. Und schlau. Man kann ihnen sogar gewisse Grundbegriffe der Mensch-Tier-Kommunikation beibringen, was die Sache erheblich erleichtert. Meine hören nach zwei Jahren Training endlich auf ihre Namen (war einfach), "Komm" (war auch relativ leicht, klappt bloß nicht, wenn sie in den Käfig zurück sollen) und "Nein!" (war wirklich schwierig, ist aber ganz zuverlässig und hilfreich, um wenigstens ein paar Bücher zu retten). Sie haben eine ausgeprägte Persönlichkeit und werden nicht langweilig.

 
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